Wenn wir über unsere Schüler und unsere Klassen reflektieren, dürfen wir feststellen, dass sie so vielfältig sind, wie das Leben selbst. Keine Klasse ist wie die andere. Jede hat ihre Besonderheiten, genauso wie jeder einzelne Schüler und jede einzelne Schülerin. Auf genau diese Besonderheiten müssen wir Lehrerinnen und Lehrer uns tagtäglich einstellen. Manchmal fällt uns das leicht, weil wir uns in dem ein oder anderen Individuum selbst erkennen. Manchmal fällt es uns jedoch auch sehr schwer, weil ein Kind vielleicht unbewusste Seiten in uns triggert und uns durch seine Art besonders herausfordert. Auch ganze Klassen können uns mit ihrer einzigartigen Energie und Dynamik heraus- und überfordern.

Schule ist eine Herausforderung

Herausfordernd ist aber auch unser gesamter Schulalltag mit all seinen Anforderungen. Keine andere Berufsgruppe muss innerhalb kurzer Zeiträume mehr Entscheidungen treffen als Lehrer. Empirische Studien besagen, dass wir pro Schulstunde bis zu 200 Entscheidungen treffen müssen. Zudem stehen wir mit unserer ganzen Person und Persönlichkeit im Fokus der Aufmerksamkeit unserer Schüler. Wir halten alle Fäden in der Hand und müssen 20 bis 30 Kinder durch eine Unterrichtsstunde navigieren und zum Lernerfolg führen.

All das kostet bereits viel Kraft und Energie, wenn man eine nette und kooperative Klasse vor sich hat. Aber wie viel mehr Kraft kostet es, wenn man vor einer schwierigen Klasse steht oder einzelne Kinder ein herausforderndes Verhalten zeigen? Dass da hin und wieder die Nerven blank liegen, ist nur allzu verständlich. Jedoch tragen unsere Reaktionen, die wir mit blank gelegten Nerven zeigen, nicht gerade zur Verbesserung der Situation bei. Vielmehr geraten wir, so gestresst wie wir sind, in einen Teufelskreis. Dieser kann dazu führen, dass wir auf bestimmte Schüler oder auch ganze Klassen nicht mehr gut zu sprechen sind. Dies wiederum bleibt bei den Betroffenen nicht unbemerkt, was die Situation wiederum verschlechtert.

Klarheit schaffen durch Reflektieren

Nur in unserem eigenen Interesse, sondern auch im Interesse der betroffenen Schüler ist es extrem wichtig, diese Abwärtsspirale zu stoppen und den Teufelskreis zu durchbrechen. In einem solchen Fall hilft es, sich die Zeit zum Reflektieren zu nehmen und sich klar zu machen, was genau die Probleme sind. Oft genug müssen wir dann feststellen, dass es nur einzelne Kinder sind, die uns in einer Klasse Probleme machen. Leider schenken wir jedoch genau denjenigen die meiste Aufmerksamkeit. Eine der Folgen kann sein, dass wir dann eine ganze Klasse nicht mehr mögen, obwohl 23 von 26 Kindern freundlich und kooperativ sind. Wir gehen mit einer gewissen Vorsicht und schlimmstenfalls vielleicht sogar Abneigung in diese Klasse. Und diese Haltung wiederum hat eine Auswirkung auf unsere Motivation, unser Wohlbefinden und natürlich auf unseren Unterricht. Das Beste wäre, diese Situation komplett zudrehen. Das hieße in diesem Fall, die Klasse zu mögen, anstatt ihr gegenüber Abneigung zu empfinden. Denn, wenn wir eine Klasse mögen, gehen wir ganz anders in unseren Unterricht und verhalten uns unbewusst anders, was wiederum konkrete positive Auswirkungen auf das Verhalten der Schüler hätte.

Durch effektives Reflektieren kannst du eine Situation drehen

Wie aber kann eine solche Drehung der Situation um 180 Grad gelingen? Wie können wir derart reflektieren, dass sich eine solch verfahrene Situation effektiv umdrehen lässt? Im Grunde genommen ist es ganz einfach. Wenn du mit einer Klasse an diesem Punkt bist, dass du nicht mehr gerne zu ihnen Unterricht gehst, tue Folgendes: Nimm dir ein Blatt und schreibe die Namen deiner Schülerinnen und Schüler untereinander. Alternativ kannst du dir natürlich auch die Klassenliste ausdrucken. Dann nimm dir etwas Zeit und widme dich in Gedanken jedem einzelnen Kind bzw. Jugendlichen. Frage dich, was bzw. welchen Aspekt du an ihm oder ihr magst. Dies können ganz kleine Dinge sein, wie z. B. die Frisur oder die Art und Weise, wie jemand sich kleidet. Vielleicht ist es auch das freundliche Verhalten oder dass sich der Schüler stets meldet, bevor er etwas sagt. Frage dich auch, was für eine besondere Eigenschaft oder Stärke jeder einzelne hat. Schreibe alles stichpunktartig auf und lies dir deine Notizen anschließend noch einmal ganz bewusst durch und denke dabei an den jeweiligen Schüler bzw. die Schülerin.

Durch diese kleine Übung konzentrierst du dich einmal nur auf das Positive und kannst deine Haltung zu einer schwierigen Lerngruppe in wenigen Minuten um 180 Grad drehen. Rufe dir diese positiven Gedanken noch einmal in Erinnerung, bevor du das nächste Mal in diese Klasse gehst und du wirst sehen, was das für dich und deine Klasse verändert.

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Dies ist ein Beitrag von Claudia Rehder

Claudia Rehder; Bildnachweis: Eveline Conrads | Offenbach am MainClaudia Rehder ist erfahrene Lehrerin und Coach. Auf ihrer Online Plattform TeachersUp, in Workshops und Coachings bereitet sie Lehrer optimal auf ihren Beruf vor und unterstützt sie bei allen Herausforderungen des Schulalltags. Ihr Wunsch ist es, dass Lehrerinnen und Lehrer für und nicht gegen sich arbeiten.

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