Zufällig hat mein damals 6jähriger Sohn ein altes Schachspiel bei meinen Eltern entdeckt. Gutmütig bin ich seiner Anweisung „Mama, was ist das? Erklär mir das! „gefolgt. Nichtsahnend, was sich daraus ent­wickeln wird. Die Kurzfassung: Er ist schnell ein erfolg­reicher Vereinsspieler geworden, der sogar schon auf Meisterschaften mitspielen darf. Neben dem privaten Mutterstolz hat mich das „Spiel der Könige“ allerdings auch meinen Berufsalltag neu entdecken lassen. Mein Sohn besucht mich ab und zu in der Schule und macht dann bei mir seine Hausaufgaben, während ich noch die letzte Unterrichtsstunde habe. Nachdem ich bei einem Spieleabend im Berufsorientierungscamp gesehen habe, dass gerade meine männlichen, meist ausländischen Schüler Interesse an dem Spiel haben, habe ich ein Brett und Figuren mit in die Schule genommen.

Faszination für Schach geweckt

Seitdem haben ausnahmslos alle meine Jungs, egal welcher Herkunft, eine Faszination für das Schachspiel entwickelt. Sie lernen es sich gegenseitig durch Zu­schauen und Mitspielen. Selbst ein sehr schwacher Schüler mit einem recht niedrigen IQ und noch geringerer Frustrationstoleranzgrenze hat die Grund­regeln verstanden. Er hat auch entdeckt, dass es auch außerhalb des PCs tolle, spannende Spiele gibt. Jede freie Minute heißt es nun im Unterricht: „Dürfen wir Schach spielen?“ Um ihrem Ziel schnell näher zu kommen, arbeiten die Jungs mittlerweile effektiver und gründlicher, dafür aber schneller. Für sie gilt der Spaß am Spiel, für mich gilt die enorme Leistung und Leistungssteigerung, die sie vollbringen. Auf allen Ebenen: Höflichkeit, Regelverständnis, Taktik, vorausschauendes Denken, zielgerichteter Einsatz der Figuren und, und, und…

Das alles und noch viel mehr sind die Grundvoraussetzungen für ein gutes Spiel. Für meine Schüler in der Mittelschule ist auch das Durchhaltevermögen ein wichtiger Punkt. Sind sie bei Matheaufgaben schnell frustriert und geben auf, so beißen sie sich beim Spiel gerne durch, den anderen mit der richtigen Taktik und Kombinatorik „Schach matt“ zu setzen.

In diesem Schuljahr bereite ich die Kids auf ihren Abschluss und ihren großen Schritt in die Berufswelt vor. Letztes Jahr war ich noch oft skeptisch, ob alle für diesen Schritt auch gewappnet sein werden. Spätestens jetzt habe ich, selbst bei den sonst etwas schwächeren Schülern, keine Bedenken mehr. Zur Belohnung, weil sie so fleißig trainieren, werde ich mit einer Mannschaft an den diesjährigen Schulschachmeisterschaften in unserem Regierungsbezirk teilnehmen. Auch für viele Grundschulen gibt es bereits seit längerem Schulschachangebote. Die Trainer bringen das den Kindern mit einer Geduld und Leidenschaft bei, dass auch schon die Kleinsten Spaß an diesem alten Sport haben. Manchmal kommt auch der ortsansässige Schachverein in die Schule, um ein Turnier abzuhalten. Sie werden erstaunt sein, wie viele Kinder dafür ihr Interesse aussprechen werden. Probieren Sie es aus, es lohnt sich auf alle Fälle.

Viel Spaß beim Spielen!


Dies ist ein Beitrag von Christiane Vatter-Wittl

Christiane Vatter-Wittl ist erfahrene Lehrerin und Schulbuchautorin, beides aus Leidenschaft. Mit schülerfreundlichen und schnell einsetzbaren Materialien möchte sie den Arbeitsalltag der Kolleginnen und Kollegen bereichern und vereinfachen. Gerne teilt sie Ihre Erfahrungen und Ihr Wissen aus der Unterrichtspraxis.

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